Die Jobdebatte übersieht die agentische KI
Peter Buxmann warnt vor Jobverlust durch KI. Der Befund stimmt. Nur dreht sich das Interview um generative KI, während der größere Hebel woanders liegt.
Peter Buxmann, Wirtschaftsinformatiker an der TU Darmstadt, hat dem Focus ein Interview gegeben, das die Sorge vieler Leute beim Namen nennt: „Viele Menschen werden ihre Jobs an eine KI verlieren.“ Grundlage ist der KI-Monitor seiner Uni, über 2000 Menschen repräsentativ befragt.
Sein Punkt: Gefährdet sind Berufsbilder mit digitalisierbarem Output, quer durch die Branchen. Texte schreiben, recherchieren, Software entwickeln, Strategien erarbeiten. Etwa jeder Zweite in solchen Jobs, der sich mit KI auskennt, sorgt sich um die berufliche Zukunft. Handwerk, Pflege und Streifendienst stehen besser da, weil ihr Ergebnis nicht durch eine Textbox passt.
Eine Beobachtung bleibt hängen: Je besser jemand KI versteht, desto größer die Angst. Und „Prompt Engineer“, vor zwei Jahren als Zukunftsjob gehandelt, ist heute eine Grundkompetenz wie das Bedienen einer Suchmaschine. Das Interview ist lesenswert.
An einer Stelle greift das Interview zu kurz. Buxmann beschreibt fast durchgehend generative KI: ein System, das eine Aufgabe erledigt, sobald man fragt. Ein Text. Eine Analyse. Ein Stück Code. Das ist der Stand, den die meisten von ChatGPT kennen.
Der Teil, der Berufsbilder wirklich verschiebt, hat einen anderen Namen: agentische KI. Ein Agent bekommt ein Ziel, nicht eine einzelne Frage. Er zerlegt es in Schritte, benutzt Werkzeuge, liest Dateien, ruft APIs auf, prüft sein Ergebnis und macht weiter, bis das Ziel erreicht ist. Aus „schreib mir eine Funktion“ wird „bau das Feature, teste es und öffne den Pull Request“.
Das ist der Unterschied zwischen einer Aufgabe und einem Arbeitsablauf. Buxmann sagt, Jobs mit digitalisierbarem Output seien gefährdet, weil KI die einzelnen Aufgaben beherrscht. Agentische Systeme ziehen diese Aufgaben zu einem ganzen Ablauf zusammen. Damit rückt die Frage von „welche Aufgabe kann die KI“ zu „welchen Teil meiner Arbeit kann sie am Stück“.
Wir sehen das täglich. Dieser Blog läuft auf REDAXO und wird zu großen Teilen mit einem agentischen Coding-Agenten gepflegt. Der Webfeed unter /rss-feed zum Beispiel: recherchiert, gebaut, lokal getestet, per Deploy live gebracht, in einer Handvoll Schritten, die der Agent selbst aneinandergehängt hat. Auch dieser Artikel ist über dieselbe Schnittstelle entstanden, mit der wir Inhalte anlegen.
Der eigentliche Sprung: Ein System schließt die Kette von der Absicht bis zum Ergebnis, mit wenigen menschlichen Zwischenschritten. Diese Zwischenschritte waren bisher die Arbeit.
Buxmann hat einen Satz, der besser altert als die meisten KI-Prognosen: Die größte Gefahr sei nicht, dass die KI zu mächtig wird, sondern dass wir nicht verantwortungsvoll mit ihrer Macht umgehen.
Für agentische Systeme heißt das konkret: Die Arbeit verschiebt sich vom Ausführen zum Vorgeben und Prüfen. Wer ein Ziel scharf formuliert, Leitplanken setzt und das Ergebnis kontrolliert, bekommt viel geschenkt. Wer den Agenten blind laufen lässt, bekommt Tempo mit Fehlern.
Und ja, das trifft auch uns. Ein Teil dessen, was wir in einer Digitalagentur den Tag über tun, lässt sich an einen Agenten übergeben. Der ehrliche Umgang damit: die frei werdende Zeit in das stecken, was eine Maschine gerade nicht kann. Das Ziel überhaupt richtig zu stellen. Und am Ende geradezustehen für das, was rauskommt.