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Hinter den Kulissen · Jan Kristinus · 6 Min. Lesezeit

ISO 27001: Wer anderen helfen will, muss selbst sortiert sein

Informationssicherheit galt lange als nette Zugabe eines Dienstleisters. Nach den Angriffen der letzten Wochen und mit KI im Arbeitsalltag halten wir sie für die Voraussetzung jeder Zusammenarbeit.

Lange lief Informationssicherheit bei der Wahl eines Dienstleisters so mit. Man fragte nach Referenzen, nach Preisen und nach dem Zeitplan. Ob die Agentur ihre eigenen Passwörter im Griff hat, war eine Randfrage, und meistens wurde sie gar nicht gestellt. Ein Dienstleister kümmert sich halt auch darum, so die Annahme.

Wir sehen das inzwischen anders. Eine Firma, die bei sich selbst nicht weiß, wer worauf Zugriff hat, die keinen geübten Plan für den Ernstfall hat und für die der Umgang mit fremden Daten keine Gewohnheit ist, kann anderen dabei kaum helfen. Wer uns beauftragt, gibt uns Zugänge zu Servern, Verwaltungsoberflächen und oft zu Kundendaten. Damit werden wir zu einer Tür in sein Haus. Und an einer Tür zählt, ob sie abgeschlossen ist.

Zwei Fälle aus den letzten Wochen

Berlin, August 2026. Zwischen dem 7. und dem 12. August kopierten Angreifer in großem Umfang Daten aus dem Netz zweier Berliner Senatsverwaltungen, zuständig für Verkehr und Umwelt sowie für Stadtentwicklung und Wohnen. Am 14. August wurden deren Systeme vorsorglich vom Netz getrennt. Die Täter verlangten Geld und drohten mit Veröffentlichung, das Land zahlte nicht. Am 4. September stellten sie die Daten ins Darknet, nach Medienberichten rund 1,4 Millionen Dateien. Betroffen sind vor allem Inhalte aus gemeinsamen und persönlichen Ablageordnern der Beschäftigten. Darin können laut der Berliner Datenschutzbeauftragten auch Namen, Anschriften, Bankverbindungen und eingereichte Unterlagen von Bürgerinnen, Bürgern und Firmen stecken.

Man kann sich das vorstellen wie einen Einbruch ins Amt, bei dem nicht die Akten aus den Fachabteilungen verschwinden, sondern der Inhalt aller Schreibtischschubladen. Unordentlich, verstreut und voller Dinge, von denen niemand mehr genau weiß, dass sie dort liegen.

Frankreich, Oktober 2026. In der Nacht auf den 12. Oktober schalteten Unbekannte die Kühl- und Gefriertruhen in Hunderten französischen Supermärkten aus der Ferne in den Abtaumodus. Nach Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft liefen die Geräte stundenlang mit bis zu 50 Grad, in einigen Märkten kam es zu Bränden. Carrefour meldete 80 betroffene Märkte, die Gruppe hinter Intermarché und Netto zunächst rund 150, dazu kamen Filialen weiterer Ketten. Die Ware musste vernichtet werden, der Schaden geht in die Millionen. Premierminister Sébastien Lecornu beauftragte die nationale Cybersicherheitsbehörde ANSSI. Bekannt hat sich bisher niemand.

Wie die Angreifer genau hineinkamen, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Steuerungen stammen vom dänischen Hersteller Danfoss, der sagt, die meisten betroffenen Geräte seien ältere Modelle, die keine Sicherheitsupdates mehr bekommen. Sicherheitsforscher hatten im Sommer mehrere Tausend solcher Steuerungen gezählt, die direkt aus dem Internet erreichbar waren, und im August Schwachstellen veröffentlicht. Nach Berichten hingen viele der Geräte gar nicht im Firmennetz der Märkte, sondern über eine eigene Mobilfunkverbindung, die der Kältetechniker eingebaut hatte.

Das ist der Teil, der uns am meisten beschäftigt. Die IT-Abteilung einer Supermarktkette kann ihr eigenes Netz noch so gut schützen. Die Kühltruhe gehört trotzdem dazu, und die hat ein Dienstleister angeschlossen.

Was die Norm dahinter verlangt

Seit 2022 sind wir nach ISO/IEC 27001 zertifiziert, heute nach der aktuellen Fassung von 2022, und lassen das regelmäßig von außen prüfen. Der Name klingt nach Papier, gemeint ist etwas sehr Handfestes. Die Norm beschreibt, wie eine Firma ihre Informationen schützt, und vergleichbar ist das am ehesten mit dem Brandschutz in einem Gebäude. Es reicht nicht, einen Feuerlöscher an die Wand zu hängen. Jemand muss wissen, wo er hängt, ob er noch funktioniert, wer im Ernstfall die Feuerwehr ruft und wo sich alle draußen sammeln.

Übertragen auf Daten heißt das: Wir wissen, welche Informationen wir haben und wie schlimm es wäre, wenn sie in falsche Hände geraten. Wir legen fest, wer auf was zugreifen darf, und nehmen Zugänge wieder weg, wenn jemand sie nicht mehr braucht. Es gibt einen Plan, was passiert, wenn doch etwas schiefgeht, mit Zuständigkeiten, Meldewegen und Fristen. Und alle im Team wissen, worauf sie achten müssen, weil darüber regelmäßig gesprochen wird. Der Anhang der Norm listet dafür 93 Maßnahmen, von der Zugangskontrolle bis zur sicheren Entwicklung.

Wichtig ist der letzte Schritt: Eine unabhängige Zertifizierungsstelle schaut sich an, ob das nur aufgeschrieben ist oder auch gelebt wird. Das ist unbequem, und genau deshalb hat es Wert. Wer sich nur selbst bescheinigt, ordentlich zu sein, bescheinigt im Zweifel seine eigenen blinden Flecken mit.

Zertifizierungssiegel PIAQ ISO 27001
Zertifizierungssiegel PIAQ ISO 27001

Mit KI wird das noch wichtiger

Mit KI-Werkzeugen kommt eine neue Art von Tür dazu. Ein KI-Assistent liest mit, was man ihm gibt, und wer ihm Zugriff auf Postfach, Dateien oder Server einräumt, gibt ihm dieselben Rechte wie sich selbst.

Wie schnell dabei etwas danebengeht, zeigte sich schon im Frühjahr 2023. Bei Samsung kopierten Ingenieure vertraulichen Quellcode und Besprechungsnotizen in ChatGPT, um sich helfen zu lassen. Böse Absicht steckte nicht dahinter, nur Bequemlichkeit. Samsung untersagte daraufhin generative KI auf Firmengeräten, bis eine sichere Umgebung stand.

Im Juni 2025 kam ein Fall dazu, der zeigt, dass die Gefahr nicht nur vom eigenen Team ausgeht. Forschende fanden in Microsoft 365 Copilot eine Lücke, die den Namen EchoLeak bekam. Eine harmlos aussehende E-Mail mit versteckten Anweisungen hätte gereicht. Sobald der Assistent bei einer ganz normalen Anfrage diese E-Mail mitlas, hätte er interne Daten nach draußen geschickt, ohne dass jemand etwas anklicken muss. Microsoft hat die Lücke geschlossen, bevor sie bekannt wurde, und es gibt keine Hinweise, dass sie ausgenutzt wurde. Das Prinzip bleibt: Eine KI unterscheidet nicht zuverlässig zwischen dem, was sie lesen soll, und dem, was sie tun soll.

Für uns heißt das, dass zu jedem KI-Werkzeug dieselben Fragen gehören wie zu jedem anderen Dienstleister: Wohin gehen die Daten? Werden sie gespeichert oder zum Training verwendet? Was darf das Werkzeug selbstständig tun, und wer sieht nach, was es getan hat? Wer diese Fragen schon für Passwörter, Server und Kundendaten beantwortet hat, findet bei KI schnell Antworten. Wer bei null anfängt, öffnet mit jedem neuen Assistenten eine weitere Tür, ohne zu wissen, wohin sie führt.

Was Auftraggeber fragen sollten

Deshalb halten wir Informationssicherheit für eine Voraussetzung, bevor ein Auftrag überhaupt zustande kommt. Ein Zertifikat ist dabei ein guter Anfang, aber nicht die einzige Antwort. Ein paar Fragen zeigen schnell, wie sortiert ein Dienstleister ist:

  • Wer bei Ihnen hat Zugriff auf unsere Systeme, und wie wird dieser Zugriff wieder entzogen?
  • Was passiert in der ersten Stunde, wenn bei Ihnen ein Vorfall entdeckt wird, und wann erfahren wir davon?
  • Welche KI-Werkzeuge setzen Sie ein, und welche unserer Daten landen dort?
  • Wer prüft das alles, außer Ihnen selbst?

Wer darauf ruhig und konkret antwortet, hat sich die Fragen schon selbst gestellt. Für uns ist das inzwischen der wichtigste Teil jeder Referenz.


Jan Kristinus