Code schreiben Agenten. Verantwortung tragen wir.
Was sich an unserem Programmierer-Alltag mit Claude Code wirklich verändert
Andrew Karpathy hat in seinem letzten Vortrag eine saubere Trennung gezogen: Vibe Coding auf der einen Seite, Agentic Engineering auf der anderen. Der Account @agenticengineering hat das auf TikTok in unter zwei Minuten zusammengefasst, und seitdem geht mir die Unterscheidung nicht mehr aus dem Kopf. Sie beschreibt ziemlich genau, was sich an unserem Programmierer-Alltag gerade verschiebt.
Vibe Coding hebt den Boden
Wer vorher keine Software bauen konnte, kann jetzt eine bauen. Idee in den Chat tippen, kurz iterieren, App läuft. Das ist real und das ist groß. Menschen ohne Programmierausbildung schicken uns Prototypen, die wir vor zwei Jahren noch in einer Woche erst hingestellt hätten.
Agentic Engineering hebt die Decke
Wenn die App nicht nur einmal auf dem Laptop laufen soll, sondern in Produktion, an der Architektur kleben und in fünf Jahren noch wartbar sein muss, ändert sich der Anspruch. Sie muss sicher sein. Edge Cases müssen sitzen. Sie darf keine stillen Brücken in andere Module legen, die später wegbrechen. Genau das ist Agentic Engineering: derselbe Hebel wie beim Vibe Coding, aber mit dem Qualitätsmaßstab, den professionelle Software seit jeher hat.
Was bleibt: das Hintergrundwissen
Beim Bauen dieses Blogs habe ich kaum noch eine Modul-Datei selbst getippt. Trotzdem hängt das Projekt nicht in der Luft. Was bleibt, ist die Verantwortung für die Designentscheidungen:
- Welche Daten müssen unique sein?
- Was wird persistiert, was nur gerendert?
- Was muss getestet werden, weil es leise kaputtgehen kann?
- Was darf der Agent nie ungeprüft trusten (User-Input, externe APIs)?
Bei uns bei Yakamara kommt projektspezifisches Wissen dazu: REDAXO-Eigenheiten, die ydeploy-Migrations-Regel, die Grenze zwischen generischen Add-ons und dem project-Add-on. Der Agent kann Code füllen, aber nicht entscheiden, ob ein Hook ins generische api-Add-on gehört oder ins project-Add-on. Diese Grenze zieht jemand, der das Projekt kennt.
Was sich ändert: Orchestrieren statt Tippen
Mein Tag sieht heute so aus: weniger Tippen, mehr Briefings. Mehr Diffs lesen. Mehr Plan-Modus, weniger Implementation-Modus.
Konkret in diesem Blog hier:
- Modul-Edits laufen über das
developer-AddOn, nicht mehr per Hand in der DB. - Neue Artikel landen über die REDAXO-API, nicht über das Backend-UI.
- Deploys laufen über Deployer mit
ydeploy:diffdavor, statt händisch SQL einzuspielen. - Selbst dieser Artikel wurde aus einem TikTok-Transkript, einem Prompt und einem Slice-Plan zusammengesetzt. Ich habe ihn nicht zeichengenau geschrieben, sondern dirigiert.
Schneller ist es offensichtlich. Die eigentliche Frage ist, ob die Standards mitkommen. Genau dort entscheidet sich, ob das Tempo trägt.
Die bessere Frage
Karpathys Punkt landet bei mir so: „Nutzt du KI zum Programmieren?“ ist 2026 keine Frage mehr. Fast alle tun es. Die Frage, die zählt:
Orchestrieren wir die Agenten wie professionelle Engineers? Oder akzeptieren wir den Output, weil er fertig aussieht?
Ich glaube, dort entscheidet sich heute, ob jemand Senior ist oder Junior. Beim Lesen der Diffs.