Hinter den Kulissen 18. Juni 2026 · Jan Kristinus

Deutschland Platz 1, Finnland Platz 40

Eine Narzissmus-Studie über 53 Länder, zwei Pässe und die Frage, welcher Hälfte von mir ich glauben soll.

Ich habe zwei Pässe. Meine Mutter ist Finnin, mein Vater Deutscher, und ich bin mit beidem aufgewachsen: Sauna und Pünktlichkeit, Schweigen-Können und Bedenken-Tragen. Normalerweise vertragen sich die zwei Hälften gut. Bei einer Studie aus dem Jahr 2025 haben sie sich zum ersten Mal richtig gestritten.

Die Studie heißt „Cultural moderation of demographic differences in narcissism“ (Miscikowski, Weidmann, Konrath & Chopik, Self and Identity, 2025). 45.800 Menschen aus 53 Ländern haben einen Standard-Fragebogen zu Narzissmus ausgefüllt, das NARQ. Es trennt zwei Seiten: Admiration, das Bedürfnis bewundert zu werden, und Rivalry, das Bedürfnis andere abzuwerten. Die Rohdaten stammen aus einem großen Pandemie-Projekt (ICSMP, 2020).

Und dann steht da in Table 1, sortiert nach Land: Deutschland auf Platz 1. Von 53. Beim Gesamtnarzissmus und bei der Rivalität jeweils der höchste Wert im ganzen Datensatz. Finnland liegt auf Platz 40.

Die Zahlen, die mich nicht in Ruhe lassen

Kennzahl aus Table 1 Deutschland Finnland
Gesamt-Narzissmus (NARQ) 6,66 (Rang 1) 3,62 (Rang 40)
Rivalität 7,03 (Rang 1) 3,26 (Rang 28)
Bewunderung 6,29 (Rang 6) 3,99 (Rang 44)
Durchschnittsalter 49,6 38,3
Frauenanteil 50,2 % 48,4 %
Wahrgenommener Status 6,20 6,46
Kollektivismus-Index −1,35 −1,30

Drei ganze Skalenpunkte Abstand beim Gesamtwert. Deutschland ganz oben, Finnland im unteren Drittel. Für jemanden, der beide Länder als Zuhause empfindet, ist das eine ernste Frage: Welcher Hälfte von mir soll ich glauben?

Erste Vermutung: Es liegt an den Stichproben. Tut es nicht.

Mein erster Reflex war, die Zahl wegzuerklären. Vielleicht waren die deutschen Befragten einfach anders zusammengesetzt. Also habe ich die restlichen Spalten von Table 1 nebeneinandergelegt und das Gegenteil gefunden.

Die Studie zeigt selbst: jüngere Menschen, Männer und Leute mit höherem wahrgenommenen Status kreuzen mehr Narzissmus an. Die finnische Stichprobe ist im Schnitt elf Jahre jünger (38,3 gegen 49,6) und sieht sich sogar als leicht statushöher (6,46 gegen 6,20). Beides müsste Finnland nach oben drücken, nicht nach unten. Der Frauenanteil ist fast identisch. Demografisch dürfte Finnland eigentlich narzisstischer dastehen als Deutschland. Es ist das Gegenteil der Fall.

Auch der Kulturindex der Studie hilft nicht weiter. Beim Kollektivismus liegen beide fast gleichauf (−1,35 und −1,30), beide klar auf der individualistischen Seite. Zwei nordeuropäische Länder, demografisch ähnlich, kulturell laut Studie benachbart, und trotzdem an entgegengesetzten Enden einer 53-Länder-Rangliste. Das passt nicht zusammen.

Die Auflösung steht im Methodenteil

Den Satz, der das meiste erklärt, habe ich erst beim zweiten Lesen gefunden, im Abschnitt zur Messinvarianz. Die Autorinnen und Autoren konnten über die 53 Länder nur partielle Invarianz herstellen, nicht die volle (skalare) Variante. Im Klartext: Ein NARQ-Wert von 6,66 in Deutschland und 3,62 in Finnland sind nicht sauber dasselbe Maß. Die Mittelwerte direkt zwischen Ländern zu vergleichen ist statistisch wackelig, und die Studie sagt das selbst.

Dafür gibt es handfeste Gründe:

  • Der Fragebogen ist in Deutschland geboren. Das NARQ stammt von Back und Kollegen (2013), die Kurzform von Leckelt und Kollegen. Die Items sind an deutschen Stichproben kalibriert. Deutsche Befragte beantworten ein Instrument in seiner Heimatsprache und Heimat-Norm.
  • Der Reference-Group-Effekt. „Ich verdiene es, als große Persönlichkeit gesehen zu werden“ beantwortet man im Vergleich zu den Leuten um sich herum. Wer in einer Kultur lebt, in der Selbstlob normal ist, kreuzt anders an als jemand in einer Kultur, in der man sich kleinmacht.
  • Nordische Bescheidenheit ist eine Antwortnorm. Das Janteloven, die ungeschriebene nordische Regel „Glaub bloß nicht, du seist etwas Besseres“, sitzt Finnen beim Ankreuzen mit am Tisch. Zustimmung zu einem Satz wie „Ich bin großartig“ kostet dort mehr Überwindung als in Deutschland.

Ein Teil des Abstands ist also vermutlich echt. Der größere Teil misst, wie unterschiedlich man in Helsinki und in Hannover über sich selbst spricht.

Warum ich das hier aufschreibe

Ein Wert wie „Platz 1“ klingt nach Urteil. Deutschland, das narzisstischste Land im Datensatz, das liest sich wie eine Diagnose. Wer das in beiden Pässen stehen hat, will wissen, was wirklich dahintersteckt, bevor er es glaubt.

Die ehrliche Antwort ist unspektakulärer als die Schlagzeile. Die Studie misst keine Volkscharaktere. Sie misst, wie 45.800 Menschen einen Fragebogen ankreuzen, und stolpert dabei über genau das Problem, an dem jede Länder-Rangliste zu Persönlichkeit hängt: Die Mittelwerte lassen sich nicht sauber vergleichen.

Meine finnische und meine deutsche Hälfte müssen sich also nicht streiten. Sie haben nur gelernt, unterschiedlich laut über sich selbst zu reden. Damit kann ich gut leben.

Quelle: Miscikowski, M. M., Weidmann, R., Konrath, S. H., & Chopik, W. J. (2025). Cultural moderation of demographic differences in narcissism. Self and Identity. https://doi.org/10.1080/15298868.2025.2593298


JK

Jan Kristinus