Karaoke Keynote: Wie ich eine Keynote hielt, die ich vorher nie gesehen hatte
Am REDAXO-Tag 2026 hat eine KI meine 49 Folien gebaut. Ich bin live ohne Generalprobe auf die Bühne.
Eine Keynote, die ich vorher nie gesehen hatte
Am 20. Juni 2026 stand ich beim REDAXO-Tag in der Sportschule Wedau in Duisburg auf der Bühne. Thema meiner Keynote: „Von Prompting zum agentischen Programmieren". Der Haken an der Sache: Die 49 Folien hatte vor mir niemand gesehen. Eine KI hatte das komplette Deck gebaut, und ich habe es zum ersten Mal live vor Publikum gelesen.
Wir haben dem Ganzen einen Namen gegeben: Karaoke Keynote. Beim Karaoke bekommst du den Text in dem Moment, in dem du ihn singen musst. Genau so lief meine Keynote. Die KI textet, ich performe, und das Publikum sieht mir beim Lesen zu. Auf Folie 2 stand der Hinweis gleich selbst: „Diese Folien hat eine KI gebaut, der Sprecher hat sie vorher nicht gesehen. Was soll schon schiefgehen." Und am Ende, Folie 48: „Diese Folie von einer KI getextet, vom Sprecher noch nie gelesen."
Wie das Deck entstanden ist
Das ganze Deck ist eine einzige index.html. Kein Build, keine Abhängigkeiten, kein Internet nötig. CSS und JavaScript stecken inline in der Datei, das REDAXO-Logo als SVG, und alle elf Illustrationen als Base64-Bilder direkt im HTML. Doppelklick genügt, und die Präsentation läuft, auch ohne WLAN. Für eine Konferenzbühne ist das Gold wert.
Die Bilder hat Claude über Replicate mit black-forest-labs/flux-schnell erzeugt, im Stil flacher Editorial-Illustrationen in dunklem Teal mit warmen Akzenten, alle ohne Text. Inhaltlich stützt sich der KI-Teil auf die Keynote „Generative KI im Unternehmen" von Dr. Sara Jourdan, der Review-Teil auf unseren eigenen Blogartikel „Code-Review ist der neue Flaschenhals". Die Zahlen kommen also aus echten Quellen, auch wenn der Sprecher sie erst auf der Bühne gelesen hat.
Worum es ging
Der Bogen lief von der Community über die KI-Entwicklung der letzten Monate bis zu REDAXO 6 und einem neuen Mindset.
Die Community zuerst. REDAXO gibt es seit 2004, MIT-Lizenz, entstanden aus der Praxis bei Yakamara. Der eigentliche Grund, warum das trägt, sind die Leute: die unzähligen AddOns von Friends Of REDAXO, der Slack, das Forum und einmal im Jahr der REDAXO-Tag.
Vom Prompt zum Agenten. ChatGPT brauchte zwei Monate auf 100 Millionen Nutzer, Instagram hatte dafür 30 gebraucht. Im Kern rät ein Sprachmodell nur das nächste Wort, immer wieder, „stochastische Papageien". Der Sprung der letzten zwei Jahre ging von „alles steckt im Training" über Modelle, die vor der Antwort nachdenken, hin zu Agenten, die planen, Werkzeuge benutzen, Ergebnisse prüfen und weitermachen. Die Definition von Russell und Norvig aus 1995 beschreibt Claude Code und Codex erstaunlich genau: ein System, das seine Umgebung wahrnimmt und auf sie einwirkt, um Ziele zu erreichen.
REDAXO 5 wird 6. Das Herz bleibt, das Fundament ist neu. Installation läuft jetzt über composer create-project redaxo/project, AddOns sind Composer-Pakete, rex_article wird zu Redaxo\Core\…, darunter PHP 8.5, und das Setup läuft non-interaktiv per Konsole. Das hilft nicht nur Menschen: PSR-4, klare Typen und deklarierte Abhängigkeiten geben der KI genau den Kontext, in dem sie weniger halluziniert. Was für die IDE gut ist, ist auch für den Agenten gut.
Die Werkzeuge. Das AI-Platform-AddOn bringt mehrere LLM-Anbieter samt MCP-Server direkt ins Backend, die KI sitzt damit im CMS statt daneben. Das API-AddOn ist die Schnittstelle, über die ein Agent kontrolliert Inhalte einspielt. Dazu Claude Code und Codex im Terminal, Skills als wiederverwendbares Spezialwissen und ein Marketplace, über den ein Plugin alle REDAXO-Skills auf einmal installiert.
Der Teil, der mir am wichtigsten ist
Code schreiben ist gelöst. Code prüfen nicht. Wenn die KI zehnmal schneller schreibt, staut sich das Review. Bei Google stammten 2025 rund 50 Prozent des Codes von der KI, intern wird auf 75 Prozent hingearbeitet. Die Folge sind überlastete Senior-Entwickler und wachsende kognitive Schuld.
Die Antwort darauf sind Guardrails statt Handarbeit: Linter und Formatter als billigster erster Filter, Semgrep gegen unerwünschte Code-Muster, Architektur-Tests für klare Modulgrenzen. Über Stop-Hooks bekommt der Agent sein Feedback automatisch, direkt da, wo der Code entsteht, formuliert in natürlicher Sprache, genau wie es sonst ein Reviewer schreiben würde. Ein Satz aus unserem Blog fasst es zusammen: „Das Harness zählt mehr als das Modell." Was beim Menschen bleibt, ist die Architektur. Services, Module und Schnittstellen plant kein Modell allein. Du wirst weniger Tipper und mehr Architekt und Prüfer.
Brauchen wir einen Plan B?
Kurze Antwort: nein. Die Arbeit verschwindet nicht, sie wird anders. Wir schreiben weniger Zeilen und beschreiben mehr Absicht. Wer Grundlagen und Handwerk versteht, lenkt die KI besser, Wissen wird zum Hebel. Und Git ist dabei das Sicherheitsnetz, jeder KI-Schritt nachvollziehbar und zurückrollbar. Vibe Coding ohne Git ist wie Klettern ohne Seil.
Der größte Vorteil im KI-Zeitalter ist aber nicht das Modell, es ist die Community. Geteilte Skills, Prompts, Guardrails und Erfahrungen schlagen jedes einzelne Tool. Genau dafür gibt es den REDAXO-Tag.
Hat die Karaoke Keynote funktioniert?
Ja. Ein bisschen Nervenkitzel gehört dazu, wenn die nächste Folie eine Überraschung ist. Aber das Format trägt, weil die Inhalte auf echten Quellen stehen und das Deck eine klare Dramaturgie hat. Es passt auch inhaltlich: Eine Keynote über agentisches Programmieren, deren Folien von einem Agenten stammen, ist das ehrlichste Demo, das ich liefern konnte. Beste Zeit, REDAXO 6 mit KI zu bauen, war gestern. Die zweitbeste ist jetzt.